Jeden Tag ein Gedicht

von Vlatka Frketić

interessantes wort: oberflächlich

über der fläche
diese nicht berührend
von oben
nicht haftend
ohne grund und boden
ohne halt frei
vielleicht
in der oberfläche

vorauseilende worte

im galopp preschen sie vor
der wind weht nicht mehr
um sie herum
verlassen von welt und mensch
im blickfeld von wenigen
rasen sie an mir vorbei

ohne titel

Da donnert das Wort
Mitten im Zentrum des Hasses
Schlägt der Blitz ein
Mit tödlich lähmender Kraft
Versäumte Momente
Werden gedacht

interessantes wort: übermütig

über den mut hinaus
muss wohl
übermütig sein
wo ist der mut
wo ist er nur
wo treibt er sich herum
vielleicht unter dem mut
versteckt als übermutig
herausragend mutig
er traut sich nicht
der übermut
sagt es gebe ihn so
nicht er sei nur eine
wortbildung
andere umstände sollten
verschleiert werden mit
dem übermut
das fällt ihm nicht leicht
so zu bestehen als ob es
ihn geben würde

Lästige Sprache

Tief im Nacken verkrallt
Beißt sie tief die eine Sprache
Verhöhnt alle anderen
Sich ihrer Vormacht bewußt
Nicht loszuwerden
Nicht abzuschütteln
Unbarmherzig
Lästig der Schmerz
Dieser Sprache

nachhinkende worte

worte kommen immer zu spät
worte hinken immer hinterher
und wenn sie da sind
verschnauft und schwitzig
und beschreiben was
schon lange ist
wird das was ist
ganz neu für viele
gefeiert wird das dann wort
das wort ganz neu
und modisch

interessantes wort: tatkräftig

die kraft der tat
die nicht ausgesprochen wird
auch wenn
wir würden nicht hören
kann ich sprechen kräftig
in der tat oder erfordern
kräftige taten andere
körperteile an die wir
eigentlich nicht denken
nur weil mir die maske
kräftig auf die augen
drückt und auf
das denken der taten
die verschwimmen so sehr
dass sie eins werden

wort

jedes wort hallt entsetzlich nach
jedes tötet das andere grausam
keines verteidigt das andere
sich gegenseitig grausam hingerichtet
bis es keine mehr gibt
keine worte bei unserer begegnung

große worte

große worte sind besetzt
die warteschlange ist lang
unabsehbar
wann wir an der reihe sind
wenn überhaupt

kleine worte

kleine worte getackert und verhackert
ins kalte draußen geworfen
kugeln sich zusammen bis sie
zueinander finden
wieder sinn ergeben
oder sich in sinnlosigkeit tarnen

Worte, die ich nicht mag

Autoritär klar bestimmend
Hierarchie vorausgesetzt
Undenkbares abstreitend
Moralisch regelgeleitet
Verschleiern Absichten
in Selbstgefälligkeiten

Fetzen

Wortfetzen hören nur
Vorsprechen
Höhle! Hole?
HÖ-LEH
Fetzen in den Ohren
Genau hören
Tap tap. Tap tap.
Fetzenrhythmus
Stimmhaft betont
Lüge! Luge?
Stumm im Mund belegen
Fetzen Zungen
Zerreißen an Schneiden
Fetzenkreise im Nordwesten
Tanzen die Polonaise
Tap tap. Tap tap.
Komponieren ihre Memoiren
Nach der Beerdigung in den
Ohren stimmt die Breite
Die Länge meandert unbetont
Zu. Fetzenform. Zu.

Weich fallen

Wenn du verstehst
Was ich sage
Nicke mit dem Kopf
Du kannst nicht fallen
Ich schiebe dir mein
Wort unter

Alle gemeint

Alle benannt
Alle gemeint
Alle gespiegelt
im Wieder
der lückenlosen
und gezielten
Handhabung
im Einsatz
gegen Mauern

Namen

Begriffe die uns spalten
Begriffe die wir brauchen
So scheint es um zu bestehen
In dieser Welt ohne Platz
Für Begrifflose
In dieser Welt
In der alles ordnenden Sinn
Haben muss, so scheint es
Um sicherzustellen dass wir
Uns unterscheiden nicht
Gleich sind vor dem Gericht
Der Namensgeber
Nicht sein wollen die
Norm die unterdrückend
drängt an die Wand der
Vorteilhaften dieser Welt

Worte

Worte bauen mich auf
Worte machen mich stark
Worte sind hinterhältig
Worte schmeicheln der Stimme
Worte zerstören das Denken
Worte verschieben Gefühle
Worte begleiten die Kämpfe
Worte erklären die Welt
Worte streiten mit allen
Worte merken sich alles
Worte bewahren den Traum
Worte beugen nicht vor
Worte bestimmen den Text
Worte wandern auch aus
Worte kommen zu uns
Worte senden viel Liebe
Worte kommen verkleidet
Worte besuchen sehr gern
Worte begreifen sich selbst nicht
Worte urteilen aktiv
Worte fallen uns zu
Worte reichen sehr weit
Worte hören nicht zu
Worte frustrieren sehr oft
Worte lieben den Kampf
Worte gewinnen an Macht
Worte schreiben viel zu
Worte genießen den Vorrang
Worte erfinden uns alle
All das erst wenn wir sie sagen
Die Worte und schreiben sie auf
Sonst sind sie tot so tot
Mehr tot sein geht gar nicht

Klang der Worte

Dein Mund bringt Klang in meine Worte
Wenn du ihn langsam öffnest und
Die Erwartung um dich flattert
Ganz zaghaft
Der erste Ton dann erklingt und ich
Meine Worte nicht erkenne in
Der Schönheit deines Klangs

Ohne Titel

Wenn sich andere sehen in meinen Worten
Dann ist es so wie es ist
Dann sind es nicht mehr meine
nicht meine Gefühle
nicht meine Vorstellungennicht meine Vorurteile
nicht meine Anklagen
nicht mein Wissen
nicht meine Phantasien
nicht meine Lust
nicht meine Gedanken
nicht mein Fühlen
nicht mein Spüren
nicht mein Raum
nicht meine Freuden
nicht meine Traurigkeit
Wenn mein Wort meine Lippen verlässt
Wenn mein Wort aufgeschrieben ist
Gehört es nicht mehr mir
Trotzdem kann ich schreiben was ich will

Niedergemetzelt mit Worten fast

Wenn ich das so sagen darf
Dann sage ich einfach nur
Das ist nix für mich
Reden reden reden
Kann reinigend wirken
Das wurde mir gesagt
Nur muss ich dabei sein
Wenn Schmutz und Dreck
Fließen in Strömen?
Und stinkendes Selbstgefallen
Sich ausbreitet im üblen Geruch
Euer Gebaren unerträglich machen
Der Mief sich verbreitet
Mit euren Worten, die nicht
So neu sind doch hin und wieder
Neusprech genannt werden
Genug des Geredes, ich spreche
Jetzt, auch wenn ihr nicht hört
Doch bleibt eine Spur, auch wenn
Nur ein Hauch, vielleicht
Sie bleiben, die Worte und
ihr Hauch und werden leben

Gleichschritt

Wer will schon so sprechen wie alle
Im gleichen Schritt
Vorwärts
Nach vorne
Ich gebe den Ton an
Und achte darauf
Dass alle sich beugen
Und auf mein Kommando
Das eine Wort von sich geben
Gelernt und entwickelt
Nach meinem Diktat
Als Einheit geschult
Und deuten den Nutzen
Verbreiten den Sinn
Gefügig verbunden
Mit bestem Gewissen

Gleichsprech

Wer möchte, dass alle im Gleichsprech
Sich äußern
Da kriege ich Angst
So richtig fest Angst.
Doch die, die das möchten,
die haben schon Angst,
so richtig fest Angst.
Ich möchte jetzt da sein
Wo Fühlen bestimmt
Mein Sagen und Denken
Und nicht das Kommando, das
Gleichsprech mir vorgibt.
Wo Liebe nicht sorglos als Wort
Nur besteht
Alleine für sich, allein, ohne mich.

Sprache

Wenn die Sprache sich anmaßt
Zu werten mich selbst
Dann sag ich nur schweige
Geh schnell hin zur Wand
Denk noch einmal nach
Was Sinn ist und nicht
Doch sie kam zurück
Und meinte sehr frech
Du bist mein Erzeuger
Doch weigerst du dich
Mich kennen zu wollen
In all meiner Pracht
Das bringt dich ins Schleudern
Und mir gibt es Macht

Freiheit

Wenn ich Freiheit sage
Und du Freiheit sagst
Dann sagen wir zwar dasselbe
Nur meinen wir nicht das Gleiche
Und doch meinen wir beide Freiheit
Wenn deine Freiheit mich in meiner beschränkt
Dann muss ich mir meine erkämpfen
Du begreifst deine Welt anders als ich
Die Vorstellung von Freiheit teilen wir nicht

Sprechen

Ich spreche für mich.
Du sprichst für dich.
Er, sie es spricht für sich.
Wir sprechen für uns.
Ihr sprecht für euch.
Sie sprechen nicht.
So scheint es zu stehen im Abschlussbericht,
Verfasst voll und ganz in der Gehorsamspflicht.
Die Ohren verstopft.
Das Denken getrübt.
Das Sprechen wird sprachleer.
Doch Worte die bleiben und
werden gehört.
Sie verändern dann Welten
und wann ab und zu.

Ohne Titel

Es gibt so viele Worte
Mir fällt nur keins ein
Das Gedicht für heute
Wird wohl knapp ein Reim
Zaghaft sich windet
Von der Festplatte nicht will
Raus in die Welten
Sich langsam entreimt
Im Kampf mit den Worten
Letztendlich sich hingibt

Mit dir

Ahnung breitet sich aus
Auf dem Rücken deiner Worte
Befürchtungen dehnen sich
Durchgehend präsent
In Gegenwehr auflehnend
Mit dir.

Die eine Sprache

Woher kommst du? Woher kommst du?
Erfreut wechselten wir die Sprache und
Erzählten uns laut irgendwelche Geschichten.
Zu laut. Lauter, als notwendig, um hören zu
Können was die andere sagt.
Auch wenn wir uns nicht besonders mochten
Brauchten wir uns, um die andere Sprache
Zu übertönen.