Jeden Tag ein Gedicht

von Vlatka Frketić

Socken

Meine Socken liegen in drei Ländern
Nicht paarweise
Nein einzeln verstreut
Verweigern beständig
Die Verpaarung

ohne titel

zur verfügung gestellt das leben
großzügig angeboten
mit dankbarkeit zu unterschreiben
lebenslänglich

warten

wer will schon in quälender geduld leben
und warten bis sich alle durch die
tür der rechtfertigung gedrängt haben
die reihe ist lang und unübersichtlich
es macht das leben nicht einfacher
zu schweigen im schatten

schafen

wir schafen ihr schaft sie schafen
in die nacht hinein und darüber hinaus
vergessen die schönheit der schafe
dabei im rhythmus der schafen

Geheimnisse

Die Nähe sorgte sich um meine
Geheimnisse und beobachtete
Neidvoll deren Ansprüche
Schonungslos versteckt hinter
Unseren Gemeinsamkeiten

versinken

hier kann ich nicht leben
auch wenn ich dich erkenne
und du mich auch
wir lenken uns ab im erkennen
versunken im trott
schon lange
auch wenn wir es spüren
wissen
verhindern wir es nicht
verstecken uns im
erkannten widerstand

spät

spät viel zu spät
aber doch
irgendwie
aber doch
sprechen wir
die worte
zu spät zwar
aber doch

ohne titel

ah, wie gerne würde ich

diesen tag überspringen

wie ein seil das schwingt

in das ich springe

springen würde

aber es schwingt nicht

meine knie danken es

Mein Koffer

Mein Koffer ist heute entschlafen
Für immer geschlossen
Für immer entrollt
Jetzt liegt er nur da
Und wartet darauf
Dass etwas passiert
Ich kann es noch nicht
Nur noch ein paar Tage
Dann bring ich ihn weg
Wir ergänzten uns gut
Und mochten uns sehr
Er glänzte so schön
Und passte zu mir
Mein treuer Begleiter
Auf all meinen Reisen
In all diesen Jahren
Geflickt und verklebt
Durchstanden das Ganze
Jetzt ist er dahin
Und kommt nicht mehr
Wieder

Tippen

Ich tippe und tippe
Den ganzen Tag lang
Und tippe und tippe
So eifrig ich kann
Nur keiner will´s
Sehen und lesen
Schon gar nicht
Was soll ich nur tun
Ich kann doch nur tippen
Sonst kann ich ja gar nichts
Lass uns doch lieben
Beim Tippen ganz innig
Gemeinsam nur tippen
Die Welt wär viel besser
Wenn alle nur tippten
Sich liebten dabei
Und sonst gar nichts täten
Versuchen wir´s doch
Und sehen uns an was
Passieren wird dann
So schlimm kann´s nicht sein
Wie schlimm es schon ist
Zu tippen nur tippen
Den ganzen Tag lang

Lückenhaft

Welche Kräfte können Lücken schließen
Die zu Gräben werden
Die zu Schluchten werden
Ist es die trügerische Hoffnung
Das beharrliche Leugnen
Die unantastbare Macht
Die unerklärbare Zuversicht
Die verzweifelte Erwartung
Die aussichtsvolle Demut
Die herablassende Eitelkeit
Oder die schmackhafte Mischung im
Hohlraum der Lücke

Dicke Haut

Erinnerungen ritzen sich in meine Haut
Die immer dünner wird und nicht wie
Alle gedacht abhärtet und ohne Ankündigung
Fliegen sie dahin, wohin auch immer
Und lassen der Haut Zeit zur Erholung.

Leben

Leben. Ein fast vergessener Traum
In der Gelegenheit die ich nicht verpassen darf.
Leben. Manche nennen es Partizipation
Andere Integration
Auf drei Ebenen oder mehr.
Harmlos erschien mir deine Hand
Die du mir gabst mit einem Lächeln
Versehentlich stolpernd über das Leben
Ergriff ich sie auch.
Es schien nicht bedrohlich.
 
Leben. Den Träumen anderer ausgeliefert sein
Gezerrt auf phantastische Stufen. Wieder stolpernd.
Leben: Die Rolle richtig spielen.
Den Text nicht vergessen.
Das Gehen nicht verlernen.
Leben lassen. Nein. Nein. Nein.
Wer kann mein Leben leben lassen?
Leben. Du brauchst mich wie ich
Dich nie brauchen werde.
Leben. Nur Mut. Du findest schon etwas.
Leben ... sieben, acht, neun, zehn: Du kommst!

Leben

Ich kann leben wo ich will
Gefallen finden am Fernen
Trotzdem kann ich leben wo ich will
Soll mir denn gar nichts gefallen
Außerhalb dieses Landes
Muss ich dann in die Ferne
Weil die Ferne gefällt
Oder gilt das nur für mich
Weil ich frei sein will in diesem Paradies
Das ich erkämpfen muss weil die anderen schlafen

Leben

Leben geträumt.
Zusammen bis hinauf.
Schutt und Dreck
Türmt sich in unvorbereiteten
Arthrosen und verdreckten Blutgefäßen
Nie abgeholt. Ohne Recycling.
Alltag im Anrufen des Rechts

Wie lange dauert jeder Tag

Jeden Tag etwas tun. Das klingt so unendlich.
Endet jeder Tag täglich?
Oder dauert er ewig?
Gleich ist er nicht, der jede Tag täglich.
Es ist fast wie das Wetter:
Mal heiter bis wolkig.
Mal schaurig. Mal sonnig.
Er ist nicht gut planbar und zieht sich hinaus.
Doch kommt er verlässlich, der jede Tag.

Leben

Ich kann leben wo ich will
Sagte auch ich
immer wieder
Und meinte nicht mich
immer wieder
und meinte den Ort nie
immer wieder
von dem aus ich sprach
immer wieder
Ich kann leben wo ich will.

Jeder Tag

Nicht ganz einfach, das mit dem
Gedicht jeden Tag.
An manchen Tagen sehr lustvoll
Und leicht.
An anderen wieder beschwerlich
und lästig.
So ist´s auch heute.
Was soll ich sagen.
Es geht weiter!

Biene

Die Biene, schon träge
an einem Tag Ende September
frißt gierig in der verschlossenen
Zuckerdose im Paradies wohl,
und stirbt im süßen Grab

Die Couch

Es wird immer wieder gesagt
nur ein harter Stuhl könne dem
Denken einen Schupser geben
Doch die Couch drängelt
Sich schamlos und vielversprechend
In das Geschehen und hop-hop
Stellt sich in aller Klarheit
Heraus, die Couch ist der
Denkarbeit alles andere als abgeneigt
So dass mit aller Entschlossenheit
Auf ihr gelegen und gedacht
Werden sollte

Leeres Heft

Schon wieder ein Heft
Liniert und sehr schön
Liegt vor mir und schweigt
Durchstrichen
Umschrieben
Verändert
Die Worte
Den Finger am Kopf
Denk nach denk nach und spüre hinein
Mehr Stimmung Mehr Stärke
Los. Los.
Denk bildlich und plastisch
Das wird dann schon was
Wälz´ um und verwandle
Die Worte im Heft
Es blieb nur ein Fleck ganz rot
An der Schläfe ganz klar und pochte
So rhythmisch und fein
Dass ich es liebte, das leere Heft
in meiner Hand und schrieb noch
los, los an den Rand.
Durchstrich nichts
Umschrieb nichts
Veränderte kein Wort