Jeden Tag ein Gedicht

von Vlatka Frketić

ein bild

ich mache ein bild von mir
so wie ich bin für dich
wie du dir mich wünschst
und schicke es dir
und hoffe es es geht
nichts verloren auf dem weg

scham

unsere leistung zu verkennen
die wahren hintergründe
und sie zu benennen
gefördert von scham und
angst vor schande
pflegen wir beharrlich

Ungereimtheit

Gelangweilt und gleichgültig
Erzählte er von seiner Reise
Die außerordentlich besonders
Schien aus meiner Sicht
So wurde ich misstrauisch seinen
Erzählungen gegenüber und
Begann sein Leben zu befragen
Auf Ungereimtheiten zwischen
Dem wie er sich gab
Und dem wie ich ihn sah

Erdacht

Text über Menschen die nicht gekannt
In Sprache die nicht verstanden
Mit Hintergrund der nicht gewusst
Mit Leben das bemessen
Nach eigenem Ermessen
Wissen das gestohlen
Angeblich beobachtet
Nicht erschlossen
Zum Absprung bereit

Noch nicht

Die unerschöpfliche Vielseitigkeit
Der Quellen der Hoffnung
Die in Meeren versinken
Die verdrängt werden
Von Händen die ringen
Um Häftlinge für ihre
Alten und Schwachen
Die einsam erblinden
Nicht mehr lächeln
Nichts mehr erwarten
Nur noch ein Lächeln
Ihrer Vergangenheit
Nur noch ein wenig Trost
Noch erleichtert ihr
Tod nicht das Gewissen
Der Hände die ringen

der rücken

dieser mensch hatte einen rücken
mehr sah ich nicht
nur den rücken
wie ein schwerer
baum sich wiegend
in den verwindeten
wellen gleichmäßig
ich kannte den rücken

Tiefes Blau

Wenn ich gleiten könnte

Wie die Schildkröte

Unter Wasser

Würde ich Welten sehen

Die dein Herz spalten

In einhundert Hälften

Schutzlos

Der gespannte Panzer

Fast unnütz in diesen

Welten

Die spalten im tiefen

Blau des Meeres

Wo nur der geschlossene

Mund dem Leben begegnet

Im Dahingehen

Orte

Ich möchte nicht
Dass viele Menschen
Dahin gehen
Wohin ich auch
Ich möchte nur
Allein da sein
Vielleicht erzählen
Mehr auch nicht
Von all den Menschen
Von all den Orten
Deren Namen
Unaussprechbar
Scheinen
Wenn du sie sagst

Fragen

Sie erkundigte sich nach ihrem Leben
Sie schwieg beharrlich und blickte
In die reisenden Wolken
Es ist ihr unbekannt ihr Leben?
Sie traut ihr nicht?
Gerüstet zum Schweigen ist sie
Bestens zwischen den Türen
Drängeln sich die Fragen und stauen
Sich auf unter dem steigenden Druck
Entweichen sich vernichtend
Ohne Antworten

Trost

Ohne zu trauern tröstete ich dich
Als wir das kleine Kind sahen
Die Heuschrecke zertreten
Sich danach lustvoll die Hände reibend
Mit dem Kopf hin und her schwenkend
Im Galopp freudig weiter lief den Weg entlang

Kaffee mit dir

Ich muss noch etwas schreiben
Dachte ich heute um achtzehn Uhr
Ah, lass es doch, sagte ich mir
Und trank noch einen Kaffee mit dir

Es könnte sein

Es könnte sein, wir sprechen dieselbe Sprache
Verstehen einander und fühlen uns nah
Es könnte sein wir fühlen sehr ähnlich
Und finden Gefallen am gemeinsamen Kampf
In dem wir uns spüren und halten
Uns nicht aus der Hand geben.
Das könnte sein.

Brücken

Nie hast du beherrscht den
Sprung in die Tiefe
Mit offenen Händen
Erwartend den Grund
Der dir nicht bekannt ist
Du baust wieder Brücken
Doch sind es die Hasser
Die zerstören mich wollen
Und Brücken nur brauchen
Für eigenes Glück
Deine Brücken sind Lügen
Wenn Rauschen in Tiefen
Erwartet mich nur
Und du dich ergötzt an
Vermögen und Gier
Was soll da die Brücke
Die schwingt hin und her
Dass viele tief fallen
In Rauschen und Tiefen
Für immer verdammt

Gib mir

Gib mir dein Leben und ich gebe dir meins
Du willst nicht, warum nur
Das war keine Frage
Ich las nur Notizen aus anderen Welten
Mit dem letzten der Stifte geschrieben sehr hastig

Erinnerung

Ich bekam eine Erinnerung
Heute als Geschenk
An die Mutigsten unter euch
Verteile ich sie sehr dicht rundherum
Als Überfall nicht getarnt
Erkannt nicht oder doch
Im Untergrund der Hoffnung
Bleibt sie nur Erinnerung
Lebendig und wechselhaft

Ich liebe sie alle

Ich liebe sie alle
Wie kann ich sagen
Das Eine verbannt Sehnsüchte in Sackgassen
Ich liebe es
Der Andere erschleicht sich Anerkennung systematisch
Ich liebe ihn
Die Nächste bemisst Werte nach Nutzen
Ich liebe sie
Das Neue ist ein Schleimer par excellence
Ich liebe es
Ich liebe sie alle und verbanne sie
In die Abgründe der Liebe

Sie

Sie fühlt sich ganz wohl
So ganz persönlich und nebenbei.
Auch wenn es erscheint irgendwie hohl
Es wiegt nicht so schwer wie Meeresblei.
Die pflügenden Worte stellen sie bloß.
Trotz allem fühlt sie sich wohl
So ganz persönlich und nebenbei.

Das Meer

Das Meer ist blau und ziemlich kalt.
Die Sonne scheint, brennt sich in meinen Kopf.
Der Wind weht sehr kräftig aus Nordwesten.
Der Lorbeerbaum rauscht unermüdlich laut.
Alles vertraut hier und sehr altbekannt.
Doch irgendwie anders als sonst gewohnt.

Experten

So viele Experten
Es wechselt so schnell.
Ich kann gar nicht folgen.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich denken:
Ich verstehe so gar nichts.
Von Geld über Krieg bis zu Ländern, die beben.
Das eine hält an bis Frischfleisch neu da ist.
Das Gedächtnis sehr kurz.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich denken:
Ich weiß überhaupt nichts.
Alles so klar. So einfach erklärt.
Die einen sind hier, die anderen dort.
Mehr gibt´s nicht, das war´s.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich denken:
Ich kann gar nicht denken.
Im Schalter des Wechsels
Geht´s selten weit weg
Vom Selbst der Experten.
Verschärfung, außerordentlich erforderlich.

Zählen

Das Verlangen gezählt zu werden.
Das Verlangen zu zählen.
Das Verlangen zählt.
Und doch nicht gesehen zu werden.
Wenn es das Gedächtnis nicht will
aus Angst nicht mehr zu zählen.

Ohne Titel

Konkrete Laute
spiele ich
Auf der Promenade der
Musik
Verneige ich mich vor
Den Stimmen
Der Virtuosen der
Leidenschaft
Die mich in das
Labyrinth
Der Gefühle
Verleiten.

Lenin

Mitten in New York steht Lenin auf einem Dach
Und grüßt die Stadt mit erhobenem Arm.
Was macht der denn da?
Wie kommt der da hin?
Den Vögeln, auf jeden Fall,
Die um ihn fliegen im
Geordneten Schwarm
Ist es vollkommen egal.

Aus den Ruinen der Menschlichkeit
erhebt sich das ertränkt
geglaubte Wohlwollen
der Menschen zueinander.
Ohne Kampf, ohne Opfer,
ohne Schuld und ohne Neid.